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Reisejournalismus als Beruf: ein Abgleich von Mythos und Realität

Traumbild Reisejournalismus

Keine Frage, Reisejournalismus ist ein sehr spannendes Berufsfeld. Und eines, um das sich viele Mythen ranken. „Oh, Sie sind Reisejournalistin“, bekomme ich oft zu hören, „wie kriegt man denn so einen tollen Beruf?“

Wie meistens im Journalismus gibt es da mehrere Wege. Man kann zum Beispiel ein Volontariat bei einem Reisemagazin machen oder einen Lehrgang am Deutschen Journalistenkolleg absolvieren oder auch als Quereinsteiger in den Reisejournalimsus hineinrutschen.

So war es bei mir: Ich bin Diplom-Kauffrau und habe als Redakteurin in einem Wirtschaftsfachverlag gearbeitet, bevor ich mich 1998 in diesem Bereich als freie Journalistin, Redakteurin und Fachautorin selbstständig gemacht habe. 2012 begann ich, als privates Spaßprojekt über das Allgäu zu bloggen, die Region, in der ich seit 1995 lebe. 2016 bekam ich dann eine Anfrage von Marco Polo: Ob ich den Allgäu-Band der bekannten Reiseführer-Reihe als Bearbeiterin übernehmen wolle. Natürlich wollte ich. Danach ergaben sich weitere Anfragen und Projekte fast wie von selbst …

Reisejournalismus – drei Mythen im Faktencheck

Ja, dieser Beruf macht mir sehr viel Freude. Ich bin viel an schönen Orten unterwegs, lerne interessante Menschen kennen, führe spannende Interviews und lerne jeden Tag etwas dazu. Aber auch ein Traumberuf sollte realistisch betrachtet werden.

Mythos 1: „Man ist dauernd unterwegs und bereist die ganze Welt.“

Äh, nein. Wie die allermeisten Reisejournalisten bin ich spezialisiert auf bestimmte Regionen. Logischerweise, denn man sollte sich schon recht gut in einer Gegend auskennen, bevor man über sie schreibt. Und ein gewisses Hintergrundwissen über Geschichte, Kultur und Wirtschaft gehört auch dazu. Plus natürlich das journalistische Handwerkszeug, das für eine gründliche Recherche und einen guten Text nötig ist.

Eine Reisereportage oder einen anderen Auftrag über ein afrikanisches Land würde ich beispielsweise ablehnen (wenn auch mit Bedauern, denn neugierig bin ich ja schon). Dafür fehlt mir schlicht die Expertise.

Dagegen habe ich ohne Zögern zugesagt, als es um ein Buchprojekt über eine französische Region ging. Denn Frankreich bereise ich schon seit 35 Jahren mit Begeisterung, spreche die Sprache, kenne mich gut in Geografie und Geschichte aus und habe französische Freunde, die ich vor Ort regelmäßig sehe.

Allerdings ist das Reisen in jedem Fall nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Arbeit. Denn zum Reisejournalismus gehört nach der Recherche (und ggf. dem Fotografieren) eine Menge Schreibtischarbeit: Es gilt, das Material zu sichten und auszuwählen, Details und Fakten nachzuprüfen und schließlich die Texte zu schreiben. Danach folgen diverse Korrekturschleifen nach Lektorat und Satz.

Mythos 2: „Man macht Urlaub und wird dafür auch noch bezahlt.“

Von wegen. Urlaub heißt: Chillen, sich treiben und überraschen lassen. Eine Recherchereise heißt: Planen, vorbereiten, abarbeiten und Überraschungen möglichst vermeiden.

Zwar besuche ich auch im Urlaub gerne Sehenswürdigkeiten. Aber ich würde im Urlaub nicht drei oder vier POIs (Sehenswürdigkeiten heißen in dieser Branche Point of Interest, kurz POI) am selben Tag abklappern und mir dazu ausführliche Notizen machen.

Ich überlege mir zwar auch im Urlaub, was ich wann wo machen will. Für eine Recherchetour brauche ich aber viel mehr Vorbereitung: Welche POIs lassen sich räumlich gut kombinieren? Wie passt das mit den Öffnungszeiten? Wie lange darf ich für was brauchen? Was ist mit den Fotos (Wetter, Beleuchtungssituation, Fotoerlaubnis)? Wen muss ich vorab kontaktieren, etwa wegen eines Interviews oder irgendwelcher Genehmigungen?

Den Abend eines Urlaubstages kann man entspannt bei einem Glas Wein ausklingen lassen. Nach einem Recherchetag geht es erst einmal an den Schreibtisch bzw. den Laptop: Bilder speichern, Informationen eintippen, Broschüren sortieren, To-dos erstellen (Wo nachhaken? Wo Interview- oder Fotofreigaben einholen? Was ergänzen?), Pläne für den nächsten Tag überarbeiten.

Okay, danach gibt es dann auch ein Glas Wein. 🙂

Einmal habe ich mich für eine Pressereise angemeldet, die von einer Destination extra für Journalisten und Blogger organisiert wurde. Die kam leider wegen Corona nicht zustande. Vom Programm her und auch von vielreisenden Kolleginnen weiß ich aber, dass diese Reisen alles andere als erholsam sind: Meist beginnt das Pogramm buchstäblich bei Sonnenaufgang und endet erst nach irgendwelchen Abendveranstaltungen. Wobei selbstverständlich erwartet wird, dass man „nebenher“ diverse Posts auf allen Social-Media-Kanälen veröffentlicht. Damit gehen dann die Mittags- und Kaffeepausen drauf.

Mythos 3: „Aber Spesen gibt es im Reisejournalismus schon.“

Leider auch nicht. Keiner meiner Verlagskunden zahlt mir auch nur einen Cent an Spesen. Rechercheausflüge und -reisen erfolgen grundsätzlich auf eigene Kosten. Anreise, Parkgebühren, Eintritte und Verpflegung zahle ich selbst und bekomme sie nicht erstattet.

Klar, wenn ich mich zur Recherche in einem Museum angemeldet habe oder als Presseverteterin zu einem Event gehe, muss ich keinen Eintritt zahlen. Manchmal wird mir auch in Restaurants angeboten, dass mein Essen „aufs Haus“ geht. Das will ich aber gar nicht, weil ich damit meine journalistische Unabhängigkeit gefährden würde. Ich lasse mich dagegen bei einem Interview mit einem Hotelier oder Gastronom schon mal auf ein Glas Wein oder einen Kaffee einladen. Das abzulehnen käme mir unhöflich vor.

Oft möchte ich ohnehin nicht, dass jemand mich als Journalistin erkennt. Wenn ich beispielsweise eine Wandertour ausgearbeitet habe und unterwegs die Einkehrmöglichkeiten teste, möchte ich ja anschließend nur die empfehlen, die ich wirklich gut finde. Das lässt sich am besten als ganz normaler Gast ausprobieren.

Mein Mann behauptet immer, dass wir auf Recherche mehr Geld verfuttern, als hinterher an Honorar hereinkommt. Das ist natürlich völlig übertrieben. 🙂

Übrigens: Was ich hier über Reisejournalismus als Beruf geschrieben habe, gilt genauso für meine Tätigkeit als Reisebloggerin. Meine Blogs Tief im Allgäu und Meerwanderungen sind rein journalistisch ausgerichtet, ich gehe keine Kooperationen mit Werbekunden ein. Das heißt, ich bekomme weder Sachleistungen noch Geld von irgendwelchen Institutionen, über deren Angebote ich recherchiere und berichte. Wobei es durchaus gute, seriöse Reiseblogs gibt, die das anders handhaben und ihre werblichen Posts sauber kennzeichnen.

Falls Sie sich für den Unterschied zwischen einer Journalistin und einer Bloggerin, einer Autorin, Redakteurin und Texterin interessieren, empfehle ich Ihnen diesen Blogpost zur Begriffsklärung.

Reisejournalismus als Beruf

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