Gendergerechte Sprache? Hier besteht akuter Handlungsbedarf!

männlich - weiblich - divers

Wir schreiben das Jahr 2019. Wir feiern 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland. Wir überlegen, wie wir gendergerechte Sprache richtig anwenden und ob Sternchen oder Doppelpunkte allen Geschlechtern von männlich, weiblich und divers gerecht werden. Dabei ist in viele Köpfe noch nicht einmal eingedrungen, dass die Hälfte der Menschheit weiblich ist und dass Frauen nicht nur als Anhängsel von Männern zu betrachten sind. Das gilt nicht nur für den Stammtisch oder rechtskonservative Kreise, sondern sogar für den Gesetzgeber, die Verwaltung und andere Institutionen.

Woran ich das festmache?

Beispiel 1: die Steuerberechnung und der Steuerbescheid

Mein Mann und ich sind beide selbstständig, werden aber je nach Einkommenslage steuerlich mal getrennt und mal zusammen veranlagt. Bei der Zusammenveranlagung bekommen wir erst eine gemeinsame Steuerberechnung von unserem Steuerberater, dann einen gemeinsamen Steuerbescheid vom Finanzamt.

Die Software unseres Steuerberaters unterscheidet Steuerpflichtige und Ehefrauen:

von wegen gendergerechte Sprache - Steuerpflichtiger und Ehefrau

Das sieht übrigens immer so aus, auch in den Jahren, in denen ich mehr verdient habe als mein Mann. Das Finanzamt wiederum findet offensichtlich auch Ehefrauen steuerpflichtig, aber in jedem Fall zweitrangig:

Steuerbescheid für Ehemann und Ehefrau
stimmt die Reihenfolge? Eheman, Ehefrau und Kind

Wieso ist eigentlich klar, dass der Mann immer zuerst kommt?

Und wie wird das wohl bei gleichgeschlechtlichen Paaren gehandhabt? Warum steht da nicht wenigstens „Steuerpflichtige/r 1“ und „Steuerpflichtige/r 2“, und zwar in der Reihenfolge nach der Einkommenshöhe? Nein, das wäre nicht richtig schön und auch noch keine wirklich gendergerechte Sprache, aber immerhin wäre eine gewisse Gleichrangigkeit gewahrt.

Hier zeigt sich mal wieder, dass gendergerechte Sprache tatsächlich nicht in erster Linie als ideologische Schönfärberei zu verstehen ist. Sondern dass es eine Wechselwirkung zwischen Sprache und Denken gibt:

Der Gesetzgeber wie auch der Softwarehersteller unseres Steuerberaters setzt die traditionelle Rollenverteilung in der Familie voraus. Die Steuergesetzgebung fördert diese Rollenverteilung auch noch massiv – siehe Ehegattensplitting. Entsprechend werden Dokumente wie der Steuerbescheid formuliert.

Umgekehrt zementieren die Unterlagen das Denken: Man/frau kann schließlich schon aus den Formularen ablesen, welche Rollenverteilung „normal“ ist: Der Mann steht an erster Stelle, die Frau an zweiter. Er „ernährt die Familie“, sie verdient ein bisschen dazu.

Dieses Denken ist am Ende schädlich für Frauen, die auf weniger eigenes Einkommen, geringere Rentenansprüche und im Fall der Scheidung auf wenig Unterhalt kommen. Und seine Umsetzung in solche Formulare wird den Paaren nicht gerecht, die sich bezahlte Arbeit und Familienarbeit ausgewogen aufteilen, wie mein Mann und ich es getan haben und tun.

Beispiel 2: eine notarielle Beurkundung

Mein Mann und ich haben uns gemeinsam eine Immobilie gekauft. Dachte ich. Tatsächlich steht in der notariellen Beurkundung, die Käufer seien Herr Joachim Römer und „dessen Ehefrau“, nämlich ich.

von wegen gendergerechte Sprache

Etwas später heißt es, „der Erwerber“ sei Joachim Römer als Miteigentümer zu ½ und Barbara Kettl-Römer als Miteigentümer zu ½.

wenn die männliche Form der Normalfall ist

Ich merkte an, dass ich die sprachliche Gestaltung dieser Urkunde nicht zeitgemäß fände. Wir hätten die Wohnung nicht als Herr Römer und dessen Frau, sondern als Paar gekauft. Außerdem sei ich Miteigentümerin und wir beide zusammen nicht der sondern die Erwerber. Daraus entspann sich ein Dialog mit dem Notar – der übrigens ein recht junger Mann ist –, den man wahlweise lustig oder verstörend finden kann.

Notar: „Hm, ja, man könnte vielleicht „Ehegatten“ schreiben. Aber ansonsten wäre es zu aufwendig, alles auf männliche und weibliche Formen umzuschreiben. Ich habe mich für die männliche Form entschieden, da sind Frauen mitgemeint.“

Ich: „Bei „der Erwerber“ und „der Miteigentümer“ ist die Form aber eindeutig männlich. Nach Ihrer Logik könnten Sie ja auch alles auf weibliche Endungen umschreiben und dann verlangen, Männer sollten sich mitgemeint fühlen.“

Notar: „Die männliche Form ist halt der Normalfall.“

Ich: „Nein, die männliche Form ist keineswegs der Normalfall, denn die Hälfte der Menschheit ist weiblich.“

Notar: „Die deutsche Sprache ist sehr kompliziert mit den unterschiedlichen Endungen und Personalpronomina. Das wäre auch ganz schwierig in der Notarsoftware umzusetzen, das müsste man extra programmieren.“

Ich: „Dann wird es aber Zeit. Schließlich kann es doch auch vorkommen, dass ein gleichgeschlechtliches Paar eine Immobilie kauft. Bei einem schwulen Paar würden Sie doch auch nicht „Herr Soundso und seine Ehefrau“ schreiben oder bei einem lesbischen Paar „der Erwerber“.

Notar: „Das kommt ja zum Glück nur selten vor.“

Ja, wenn das so ist …

Halloooo, wir schreiben das Jahr 2019!

Mit 25 Jahren dachte ich, dieser ganze Gleichberechtigungskram sei wirklich nicht so wichtig, weil ohnehin selbstverständlich. Mit 50 Jahren weiß ich, dass das ein Irrtum war. Es ist allerhöchste Zeit, dass Gleichberechtigung der Geschlechter – ja auch der dritten, diversen, sonstigen – wirklich selbstverständlich wird. Gendergerechte Sprache ist dann nicht mehr und nicht weniger als die angemessene Ausdrucksweise dafür.

Lust auf mehr? Lesen Sie zum Beispiel, warum und wie Frauen sich mit Geldanlage beschäftigen sollten und wie negative Sprache negatives Denken begünstigt. Falls Sie konkrete Vorschläge dafür suchen, wie Sie geschlechtergerechte Sprache umsetzen können, empfehle ich Ihnen den sekretaria-Beitrag zum dritten Geschlecht in der Korrespondenz.

Teilen Sie diesen Beitrag

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für diesen Kommentar. Tatsächlich ärgere ich mich auch vor allem in Verträgen darüber, dass ich als „Autor“ und „Verfasser“ oder Ähnliches benannt werde. Manchmal zieht sich das bis in die entsprechenden Anschreiben: „Wir freuen uns, Sie als Autor gewonnen zu haben …“ Ähem! Da zieht dann noch nicht einmal das Argument mit den Personalpronomen.

    Wie du schon schreibst: Wir leben im Jahr 2019. Es wird Zeit, endlich die weibliche Hälfte der Bevölkerung wahr- und ernstzunehmen!

  2. Der Titel suggeriert Antworten für gendergerechte Sprache im Jahr 2019: Einverstanden, dass die sprachliche Benachteiligung von Frauen bis heute falsch ist. Wie kommen wir denn aber nun wirklich zu einer geschlechtsneutralen – statt nur zu einer weiblich-männlichen – Ansprache? Was schlägt die Sprachwissenschaft vor, was empfehlen die Verbände intersexueller Menschen, was schreibe ich im nächsten Brief statt „Sehr geehrte Damen und Herren“? – Frau Kettl-Römer, wenn das jemand konstruktiv und konkret beantworten kann, dann Sie! Danke vorab!

    • Derzeit existieren ja mehrere Möglichkeiten einer gendergerechten Ansprache parallel: Von der Partizipbildung (Studierende/Arbeitende) über das Binnen-I (AutorIn/SteuerzahlerIn), den Unterstrich (Redakteur_in/Notar_in) über das Gender-Sternchen (Bundeskanzler*in/Lokführer*in) bis hin zur männlichen Form mit dem Hinweis m/w/d. Alle haben ihre Vor- und Nachteile und man wird sehen, was sich dauerhaft durchsetzt bzw. noch neu entwickelt.

      Weibliche und männliche Formen kennt die deutsche Sprache aber schon ziemlich lange (auch wenn eine Freundin von mir noch in den 80er-Jahren einen Abschluss als Diplom-Kaufmann machen musste, weil die Diplom-Kauffrau sich damals noch nicht etabliert hatte). Also plädiere ich nachdrücklich dafür, überall dort, wo Männer und Frauen angesprochen werden sollen, auch Männer und Frauen anzusprechen. Und zwar AB SOFORT.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.