Da mache ich nicht mit! Bekenntnisse einer WhatsApp-Verweigerin

Als Wirtschaftsjournalistin kann ich den Aufstieg von WhatsApp nur bewundern: Das ist eine Wahnsinns-Erfolgsgeschichte. Es ist wirklich unglaublich, wie sich dieser Messaging-Dienst binnen weniger Jahre zum allgegenwärtigen Kommunikationsmedium entwickelt hat. Zu DEM Kommunikationsmedium, ohne das im Freundeskreis, im Verein, in der Familie und immer häufiger sogar im Beruf nichts mehr geht. Kein Wunder: WhatsApp ist praktisch. Es ist einfach. Es kostet nichts. Alle haben es.

Na ja, fast alle.

Leute über 80 nutzen es eher nicht. Und ich, ich nutze es auch nicht.

Ein Leben ohne WhatsApp? Undenkbar!

Ich bin in meinem Freundes- und Bekanntenkreis fast die einzige, die WhatsApp nicht auf ihrem Smartphone installiert hat. Ich bekomme einiges nicht mit. Wenn zum Beispiel lustige Fotos und Videos ausgetauscht werden, über die sich beim nächsten Treffen alle amüsieren. Oder wenn im Sportverein Organisatorisches geklärt wird. Wenn ich dann darum bitte, mir doch eine E-Mail zu schreiben oder mir beim nächsten Training einfach zu erzählen, was besprochen wurde, stoße ich auf Unverständnis: „Selbst schuld, dann leg dir doch auch WhatsApp zu.“

Meine Freunde haben sich dagegen an meine Macken gewöhnt und meine Kinder leben schon länger damit, dass ihre Mama in manchen Dingen irgendwie seltsam ist.

Bin ich wahrscheinlich auch. Ich frage mich nämlich, wie das passieren konnte:

Ist das nicht irgendwie verrückt?

Warum haben heute so viele Menschen ihr Smartphone nicht nur immer dabei, sondern auch pausenlos angeschaltet? Nicht mehr nur in der Handtasche, sondern permanent griffbereit: in der Jacke oder Hosentasche, auf dem Tisch im Lokal, auf dem Schreibtisch neben ihrem Computerbildschirm, auf dem Nachttisch neben dem Bett? Wann ist es eigentlich üblich geworden, dass man die eingehenden Nachrichten checkt, während man fernsieht, isst, im Konzert oder Kino sitzt, mit anderen spricht oder gar Auto fährt? Wie kann es sein, dass irgendwelche App-News grundsätzlich bedeutsamer sind als die Menschen, mit denen man gerade zusammen ist?

Wieso werden Mütter unruhig, wenn sie sehen, dass ihre 17-jährige Tochter, die abends mit Freunden unterwegs ist, zwischendrin mal nicht online ist? Und warum nur fällt es so vielen Menschen schwer, zu einer Verabredung verbindlich zuzusagen und sie dann auch einzuhalten? Wie konnte es völlig normal werden, noch Minuten vor einer Verabredung von unterwegs zu schreiben, man komme leider zwei Stunden später oder überhaupt nicht, weil leider, leider ganz kurzfristig etwas dazwischengekommen sei?

Nach allem, was ich beobachte, verdanken wir diese Entwicklungen überwiegend WhatsApp. Eben weil es so einfach und bequem ist.

Puh, jetzt klinge ich wie eine steinalte Kulturpessimistin. Aber trotzdem:

Da mache ich nicht mit!

Ich bin keine Social Media-Verweigerin. Ich blogge, ich nutze Facebook, Pinterest und neuerdings Instagram. Aber ich brauche keine WhatsApp-Familiengruppe, denn meine Kinder können mit ihren Smartphones auch telefonieren und zumindest mein Anrufbeantworter hört ihnen jederzeit zu. Oder wir sprechen auf altmodische Art direkt miteinander ab, wer wann wo ist und gegebenenfalls abgeholt wird. Wir schreiben uns manchmal sogar Zettel, die wir auf den Küchentisch legen!

Mit meinen Freunden halte ich den Kontakt per Telefon und E-Mail. Okay, manchmal auch per Facebook. Oder wir machen bei einem Treffen aus, wann das nächste wo stattfindet. Das funktioniert erstaunlich gut. Nur meine Freundin B. notiert die Termine immer in ihrem Smartphone, wo sie sie dann vergisst. Da braucht es regelmäßig einen Erinnerungsanruf.

Im Verein bekomme ich zwar einiges nicht mit. Aber wenn ich zum Beispiel als Tischbesetzung auf einem Wettkampf gebraucht werde, klappt es komischerweise jedes Mal: Dann werde ich nämlich persönlich angesprochen und darum gebeten. Na also, geht doch!

Natürlich habe ich den Vorteil, dass ich im Homeoffice arbeite und daher tagsüber sowieso viel Zeit am PC und neben dem (Festnetz-)Telefon verbringe. Meine Verwandten und Bekannten wissen, dass sie mich da ziemlich sicher erreichen. Andererseits: Ist das nicht bei den meisten anderen Menschen ähnlich? Man würde natürlich nicht so einfach wegen unwichtiger Dinge unter der Firmennummer anrufen. Andererseits geht es genauso zu Lasten der bezahlten Arbeitszeit, wenn Mitarbeiter am Arbeitsplatz nebenher ihre WhatsApp-Nachrichten auf ihrem Privathandy abrufen und beantworten. Und das tun wirklich viele.

Und wie funktioniert ein Leben ohne WhatsApp?

Einerseits stoße ich oft auf Unverständnis und muss mich mitunter sogar rechtfertigen, warum ich dermaßen altmodisch bin. „Schrullig“ nannte es neulich ein Freund (das gefällt mir :-)). Wahrscheinlich sind manche Bekanntschaften auch immer loser geworden, weil man mir keine WhatsApp-Nachrichten schicken kann, sondern ich nur so umständlich zu kontaktieren bin.

Andererseits schenkt diese Abstinenz mir Freiraum und Zeit:

Ich bekomme keine Blödelnachrichten, keine Mama-kannst-du-mich-doch-früher-oder-später-oder-woanders-abholen-und-auf-dem-Weg-noch-mein-Lieblingssmoothie-besorgen-Botschaften. Nachdem Anrufe und SMS offensichtlich so aufwendig sind, bekomme ich sie nur, wenn es wirklich wichtig ist. All die Terminabstimmungsrunden in irgendwelchen Gruppen spare ich mir, denn ich mache Termine persönlich oder telefonisch aus, und meine Zusage gilt. Ich weiß, dass die Menschen, die trotzdem mit mir Kontakt halten, Wert auf meine Freundschaft legen.

Ich muss nicht alle paar Minuten auf mein Smartphone schauen. Beim Arbeiten werde ich nicht ständig unterbrochen. Ich mache das Handy überhaupt nur an, wenn ich unterwegs bin. Ich kann am Bahnhof stehen oder im Café sitzen und Leute beobachten oder einfach nur nachdenken. Im Lokal kann ich mein Essen genießen und mich auf die Menschen konzentrieren, die mit mir am Tisch sitzen. Ich habe WhatsApp-frei!

Wäre das nicht auch etwas für Sie?

Da mache ich nicht mit! Bekenntnisse einer WhatsApp-Verweigerin

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Barbara,
    habe beim Lesen angefangen zu lächeln und gestehe Dir: Whats-App kommt mir nicht in die Tüte, äh, aufs Smartphone. Ich verpasse einiges, aber lebe auch nicht mit meinem Smartphone sondern mit Menschen zusammen. Man erreicht mich telefonisch, per Twitter, E-Mail, Xing, persönlich, sogar noch per Brief, Postkarte oder SMS. Letztere kriege ich seit Einführung der DSGVO vermehrt.
    Ich vermisse nichts und mir ergeht es wie Dir: Wenn mich die whatsappenden Ausschüsse etc. brauchen, finden Sie merkwürdigerweise sowohl meine E-Mail-Adresse als auch Telefonnummer, können auf den AB sprechen. Allerdings will ich nicht ständig zu erreichen sein, arbeite lieber fokussiert und konzentriere mich in Gesprächen auf die Menschen um mich herum.
    Holldrio per Kommentar
    Silke

    • Hallo Silke, wie schön – und wie beruhigend -, dass es auch anderen so geht wie mir. Danke fürs Schreiben per altmodischer Kommentarfunktion 🙂

  2. Hallo,
    auch ich nutze seit gut einem Jahr kein WhatsApp mehr. Auf Facebook verzichte ich schon seit drei Jahren und vor einem halben Jahr war auch Instagram Geschichte. Ich vermisse absolut gar nichts. Wer was von mir will, ruft mich an oder schreibt mir eine SMS. Und sogar auch mit bedacht und wenn es wichtig ist. Niemand ruft mich an oder verschwendet eine SMS und erzählt mir, dass es doch so langweilig ist oder draußen regnet, oder was gerade gegessen wird.
    Mir fällt jedoch vermehrt auf, dass immer mehr davon genervt sind, und auch liebend gerne darauf verzichten würden. Wenn ich frage, was hindert dich dran, bekomme ich jedoch keine wirklich sinnvolle, geschweige denn eine überzeugende Antwort.
    Ein sehr interessanter Bericht. Weiter so 👍🏻

  3. Hallo Barbara,
    schön, das zu lesen. Danke.
    Mir geht es genauso, ich bezeichne mich manchmal als altmodisch. Obwohl ich auch Digitales liebe, den ganzen Tag am Compi verbringe etc. Bin 41 Jahre, Mutti von 2 Kindern, berufstätig und sehr froh, nicht WhatsApp zu haben. Habe noch nichts Wichtiges verpasst.
    Wie viele von uns gibt es wohl?
    Viele Grüße!

    • Hallo Eva, ich glaube, wir sind nicht mehr viele – aber ich freue mich über jeden, der das Fähnlein der Verweigerer hochhält 🙂

  4. Hallo zusammen,

    mir geht es genau wie euch, ich will mich nicht einmal dafür entschuldigen müssen…
    sogar unser Kirchenchor hat jetzt auch die ältesten Sängerinnen dazu gebracht, w.app zu installieren…mich immer noch nicht :), bin mit 50 mitten im Leben!

    • Hallo Annette, dieser Rechtfertigungsdruck ist etwas, das mich auch immer wieder nervt. Nach dem Motto: „Selbst schuld, wenn Du das oder jenes nicht mitbekommen hast, leg Dir halt auch endlich WhatsApp zu!“ Als wäre ein Anruf, eine E-Mail, eine SMS oder auch einfach ein mündlicher Hinweis eine unzumutbare Belastung für denjenigen …

  5. Hallo Barbara,
    Einfach die Wahrheit, was du geschrieben hast.
    Bei mir ist es fast soweit gekommen, dass Freundschaften daran zerbrechen. Ich möchte, dass die mich per E-Mail, Telefon oder evtl. per SMS erreichen. Ich besitze noch kein Smartphone, kann aber damit umgehen. Von mir wurde verlangt, ich solle mir WhatsApp auf meinem Tablet installieren. Mein Handy habe ich fast immer abgestellt, benötige es nur nach Bedarf. Denen ist es zu umständlich mir eine E-Mail zu schreiben. Ich habe darauf hingewiesen, dass man sich die App auf sein Handy laden kann. Hat man WhatsApp, kann derjenige sehen, ob man online ist und verlangt, dass man sofort antwortet.
    Was diese digitale Welt noch mit uns anstellt, ich bin gespannt.

    • Hallo Heike, danke für Deinen Kommentar. Es ermutigt mich, wenn ich lese, dass ich mit meiner Verweigerungshaltung nicht allein bin 🙂

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