Und trotzdem: Ein Plädoyer für das Reisen mit der Bahn

Reisen mit der Bahn - Szene am Hauptbahnhof Frankfurt

Das Reisen mit der Bahn ist manchmal äußerst nervig: Züge kommen verspätet oder fallen komplett aus, drinnen ist es wahlweise zu kalt oder zu warm. Wenn es richtig heiß wird, fällt die Klimaanlage aus. Die Toiletten sind meist belegt, oft in erbärmlichem Zustand, manchmal wegen Funktionsunfähigkeit gesperrt. Das Bordbistro ist entweder voll oder ausverkauft oder kaputt. Teuer ist es sowieso.

Und dann erst die Mitfahrer: Vergleichsweise gut dran ist der Reisende, dessen Sitznachbar friedlich schläft, selig vor sich hin schnarcht und sich vertrauensvoll gegen ihn lehnt. Schlimmer hat es den getroffen, der neben einem Dauertelefonierer sitzt und dessen höchst private oder berufliche Angelegenheiten in ausführlicher und lautstarker Erörterung mithören darf. Oder die Musik in den Kopfhörern des Nachbarn.

Und trotzdem: Ich empfehle jedem das Reisen mit der Bahn

Dafür gibt es eine Menge guter Gründe:

  1. Bahnfahren ist ökologisch wesentlich verträglicher als Autofahren oder gar Fliegen.
  2. Wer mit der Bahn fährt, braucht sich um Unfälle, Staus und Parkplätze keine Gedanken zu machen. Man kann es gar nicht oft genug sagen: Sie stehen als Autofahrer nicht im Stau, Sie sind der Stau!
  3. Es gibt etliche Strecken, auf denen die Bahn genauso schnell oder sogar schneller ist als das Auto (besonders wenn das Reiseziel in der Innenstadt liegt).
  4. Für Alleinfahrer ist die Bahn auch preislich oft günstiger als das Auto; jedenfalls, wenn man frühzeitig bucht und die Parkgebühren in die Vergleichsrechnung einbezieht.
  5. Die Zeit im Auto ist verlorene Zeit – während Sie fahren, können Sie schließlich nichts anderes tun außer vielleicht Radio bzw. Hörbücher zu hören oder zu telefonieren. Im Zug dagegen können Sie auch dösen, lesen, nachdenken, Leute beobachten, Filme ansehen, Spiele spielen und sogar arbeiten. Dieser Text beispielsweise ist auf einer Fahrt nach Darmstadt entstanden.
  6. Beim Autofahren ist Müdigkeit gefährlich. Beim Bahnfahren dürfen Sie unkonzentriert sein, nach einem langen Tag einfach nur abschalten oder sogar schlafen (dabei aber bitte den Kopf nicht auf der Schulter des Sitznachbarn ablegen).
  7. Wer in einen Zug steigt, verlässt seine Filter- und Lebensblase. Am Bahnhof und im Zug bildet sich eine höchst gemischte Gesellschaft: Hier treffen junge Familien und Rentnergruppen aufeinander, Schüler und Geschäftsreisende, Touristen und Asylbewerber, Studenten, Arbeitslose, Obdachlose, Professoren, Freiberufler – einfach alle außer denen, die lieber allein für sich im Auto sitzen als dem prallen Leben zu begegnen.
  8. Zugfahren lehrt Geduld mit den Mitmenschen. Man kann genervt sein von den Mitreisenden. Man kann sie aber auch beobachten und sich an der Vielfalt freuen und daran, wie es in diesem ganz besonderen Biotop auf Zeit menschelt.
  9. Reisen mit der Bahn schult die geistige Flexibilität und lehrt Demut. Wenn der reservierte Sitzplatz von einer alten Dame belegt ist, suche ich mir eben einen anderen. Hat ein Zug zu viel Verspätung für meinen geplanten Anschluss, finde ich schon eine andere Verbindung. Dauert die Fahrt dadurch länger, lese oder schreibe ich eben noch etwas mehr. Es gibt Schlimmeres, ehrlich.

voller Bahnsteig am Bahnhof Darmstadt

Mit ein paar Tipps gelingt das Reisen mit der Bahn noch besser

  1. Buchen Sie bevorzugt Verbindungen, bei denen Sie nicht mehr als einmal umsteigen müssen. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass Sie einigermaßen pünktlich ankommen, wenn Sie zwei- oder mehrmals umsteigen müssen.
  2. Reservieren Sie einen Sitzplatz, wenn Sie eine beliebte Strecke fahren. Ganz besonders, wenn Sie das am Montagmorgen oder freitags tun.
  3. Nehmen Sie auch an warmen Tagen eine Jacke mit. Unter so mancher Klimaanlage zieht die Luft so kühl heran, dass Sie sonst eine Erkältung riskieren.
  4. Packen Sie bei längeren Fahrten immer eine Flasche Wasser und einen kleinen Snack für unterwegs ein. Auf das Bordbistro ist kein Verlass.
  5. Nehmen Sie eine Beschäftigungsmöglichkeit mit; falls Sie Umgebungsgeräusche ausschalten wollen, ruhig auch Ihre Kopfhörer. Ich persönlich finde es allerdings schade, wenn Reisende sich so abschotten – Sie verpassen dann einiges.

Nein, auch ich fahre nicht immer mit der Bahn. Manche Orte sind von meinem Wohnort tief im Allgäu aus auf der Schiene so schlecht zu erreichen, dass ich dann doch das Auto nehme. Und ja, ich gebe zu, dass ich meine Mitreisenden nicht immer genieße und beim zweiten verpassten Anschluss auch mal die Geduld verliere.

Und trotzdem: Ich mag das Reisen mit der Bahn. Probieren Sie es doch auch mal aus. Und erzählen Sie mir von Ihren Erfahrungen.

9 gute Gründe für das Reisen mit der Bahn

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