Achtung: Negative Sprache führt zu negativem Denken

Frau mit negativen Gedanken

Wieso ist negative Sprache ein Thema? Ganz einfach: Unsere Sprache prägt unser Denken. Wir können keine Gedanken formulieren, für die uns die Worte fehlen. Umgekehrt bringen uns bestimmte Worte in bestimmte Gedanken- und Stimmungswelten. Daher beunruhigt es mich, wie unsere Sprache sich im öffentlichen Diskurs gerade verändert.

Zum ersten Mal bin ich stutzig geworden, als plötzlich an vielen Stellen von „Gutmenschen“ zu lesen war. Bezogen war das auf die Anhänger jener kurzlebigen Willkommenskultur, die mit Kleider- und Lebensmittelspenden am Bahnhof standen und applaudierten, wenn neue Flüchtlinge ankamen. Ein bisschen naiv war das gewiss. Aber auch sympathisch und liebenswert. Und immerhin ein Versuch, Gutes zu tun.

„Gutmensch“ ist heute eine abwertende Bezeichnung, fast ein Schimpfwort, für Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen. Selbst in solide bürgerlichen Kreisen höre ich diese Bezeichnung heute öfter mit diesem verächtlichen Unterton.

Was ist schlecht an einem Menschen, der versucht, anderen Gutes zu tun?

Negative Sprache – von der Welle zur Krise

Dann wurde aus den zunehmend ankommenden Flüchtlingen und Asylsuchenden eine Flüchtlingswelle. Assoziiert mit Tsunamis, Riesenwellen, die alles überfluten und zerstören.

2015 kamen wirklich sehr viele Menschen nach Deutschland, die hier Asyl oder sonstigen Schutz suchten. Inzwischen sind es wesentlich weniger; derzeit kommen nur etwa so viele Asylsuchende in Deutschland an wie Anfang der 90er Jahre (Beleg hier). Ist Deutschland überspült und verwüstet worden? Leben wir in einem Land, das von einer Katastrophe heimgesucht wurde und sie nur knapp überlebt hat? Kämpfen wir verzweifelt ums Überleben?

Wohl kaum. Die Wirtschaft wächst, die Renten steigen. Die Staatsverschuldung sinkt, die Arbeitslosigkeit und auch die Zahl der Straftaten sind so niedrig wie seit Jahren nicht. Was nicht heißt, dass hier alles perfekt wäre. Es fehlen Wohnungen, am Sozialsystem gilt es noch einiges umzubauen. Die Digitalisierung stellt uns vor neue Herausforderungen. Wir leben nicht im Paradies. Aber doch wohl weit entfernt vom Untergang.

Wer heute auch nur „flüch“ bei Google eingibt, bekommt an Platz drei der häufigsten Suchbegriffe bereits die „Flüchtlingskrise“ angeboten.

Wieso eigentlich nicht die „Flüchtlingschance“ oder wenigstens die „Flüchtlingsherausforderung“? Normalerweise ist doch von jeder Krise zu lesen, sie sei auch eine Chance. Bei den Flüchtlingen soll das aber offenbar nicht so sein, hier wird auf dem Krisenmodus bestanden. Obwohl doch nach und nach erste Erfolge der Integrationsarbeit sichtbar werden: Immer mehr Flüchtlinge bestehen ihre Deutsch-Prüfungen auf Niveau B1 oder B2, finden Arbeit, schließen Ausbildungsverträge. Sie lindern den Fachkräftemangel, zahlen Steuern und Sozialabgaben und tragen zur Wertschöpfung in unserem Land bei. Ausbildung und Integration von Flüchtlingen lohnen sich für eine Gesellschaft, wie auch dieses Interview mit dem Historiker Phlipp Ther zeigt.

Negative Sprache dient auch dazu, Menschen abzuwerten

Wer vor Krieg, Terror, Verfolgung und Perspektivlosigkeit geflohen ist, wurde in den letzten Monaten zum Wirtschaftsflüchtling oder illegalen Einwanderer umdeklariert. „Illegal“ ist ein Flüchtling dann, wenn er unerlaubt eingereist ist und „unerlaubt“ heißt: ohne Pass und Visum. Das trifft naturgemäß auf die meisten Menschen zu, die aus akuter Gefahr fliehen und ihre Flucht nicht von langer Hand vorbereiten können.

Wer keinen Pass beibringen kann, ist ein „Identitätsverweigerer“. Selbst dann, wenn er in seinem Heimatland nie einen Pass besessen hat (ja, das gibt es, und zwar gar nicht so seltem) und die Behörden dort sich weigern, ihm einen auszustellen. Selbst dann, wenn er alles versucht hat, um trotzdem einen Pass zu bekommen. Wer es nicht schafft, wird zum Verweigerer erklärt. Das genügt als Grund für eine Abschiebung.

Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen und dafür sorgen, dass sie die ihnen zustehenden Rechte wahrnehmen können, sind im Sprachgebrauch von durchaus bürgerlichen Politikern zu „Abschiebe-Saboteuren“ bzw. zur „Abschiebeverhinderungs-Industrie“ mutiert. Als wären sie Kriminelle oder würden aus der Flüchtlingshilfe ein Geschäft machen und damit fragwürdige Reichtümer anhäufen. Dabei bringen Flüchtlingshelfer sich ehrenamtlich in ihrer Freizeit und auf eigene Kosten ein. Und Anwälte tun das, was ihr Job ist.

Auf der anderen Seite wird sprachlich schöngefärbt

Die „Abschiebung“ wird mitunter als „Rückführung“ deklariert. Das klingt nett, wie wenn man ein verirrtes Schäfchen nachhause bringen würde. Dabei werden die Menschen gegen ihren Willen nachts oder frühmorgens von der Polizei abgeholt und in einen Flieger verfrachtet. Oder vorher noch ins Gefängnis gesteckt. Das ist keineswegs ein sanftes Rückführen in den friedlichen Schoß des Heimatlandes.

Ein Geniestreich der pseudopositiven Sprache sind auch die geplanten Ankerzentren. Ein Anker steht schließlich für festen Halt auf unsicherem Grund. Selbst der Dreiklang aus Ankunft, Entscheidung und Rückführung, aus dem das Wort gebildet wurde, klingt noch positiv, so zupackend. Faktisch handelt es sich um Massenunterkünfte, in denen Flüchtlinge ohne Geldleistungen, ohne Deutschkurse, ohne Beschäftigungs- oder Arbeitsmöglichkeiten kaserniert werden, bis über ihren Fall entschieden ist. Da die meisten Asylanträge abgelehnt werden, werden viele Menschen dort bleiben müssen, bis sie abgeschoben werden. Monatelang, oft jahrelang. Für sie bieten diese Zentren alles andere als einen Anker. Der korrekte Name wäre „Abschiebelager“.

Das mag das sein, was viele Menschen in unserem Land tatsächlich wollen. Es sollte dann aber auch klar und ohne Verlogenheit als das benannt werden, was es ist.

Die versprochene „Grenzsicherung“ bedeutet übrigens vor allem verstärkte Überwachung und Kontrollen an allen innereuropäischen Grenzen. Das heißt: Stau, lange Wartezeiten bei der Einreise, Verzögerungen im Warenverkehr. Das wollen wahrscheinlich nicht so viele Bürger. Darum wird dieses Vorgehen ja auch „Sicherung“ genannt. Das klingt gleich viel besser.

Negative Sprache setzt einen Rahmen für negative Gedanken, schönfärberisch positive Sprache verführt zu Fehleinschätzungen in die andere Richtung. Ich denke, wir sollten versuchen, ehrlich miteinander zu sein. Wir sollten Probleme benennen und ruhig auch miteinander streiten. Aber ohne Andersdenkende abzuwerten, ohne Schutzsuchende zu entmenschlichen (Welle/Flut/Illegale). Und ansonsten aufmerksam dafür bleiben, wenn Sprache gezielt manipulativ eingesetzt wird.

Achtung: Negative Sprache führt zu negativem Denken

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