Rezension zu Einfach Denken! von Richard E. Nisbett

Warum habe ich eigentlich eine Rezension zu Einfach Denken! geschrieben? Denken ist ja nun wirklich einfach. Schließlich tun wir es seit frühester Kindheit praktisch pausenlos. Seid wir auf der Welt sind, machen wir Beobachtungen und Erfahrungen und ziehen daraus unsere Schlüsse. Wir entdecken Zusammenhänge und erkennen Muster. So entwickeln wir Hypothesen und treffen Entscheidungen.

Das Dumme ist nur: Wir wissen gar nicht, WIE wir eigentlich zu unseren Schlussfolgerungen kommen. Uns ist vor allem nicht klar, dass wir dabei typischerweise eine Menge Fehler machen. Diese sind zwar völlig normal, führen uns aber zu falschen Schlüssen und schlechten Entscheidungen.

Um es mit den Worten von Richard E. Nisbett, Professor für Psychologie an der University of Michigan, zu sagen:

„Die schlechte Nachricht ist, dass unsere Überzeugungen zu vielen wichtigen Aspekten der Welt oft schmerzlich falsch sind und wir bei der Art und Weise, sie zu erwerben, häufig grundlegende Fehler begehen.“ (S. 347)

Zum Glück können wir auch über das Denken nachdenken und einigen unserer typischen Denkfehler auf die Spur kommen. Fehler, die man kennt, kann man (zumindest teilweise) vermeiden. Zu diesem Zweck hat Nisbett sein Buch geschrieben.

Coverfoto zur Rezension zu Einfach Denken! von Richard E. Nisbett

Und ich habe eine Rezension zu Einfach Denken! geschrieben. Das Buch gliedert sich in fünf Teile, die jeweils mehrere Unterkapitel enthalten.

Teil I Nachdenken über das Denken

Hier geht es gleich richtig in die Vollen. Es werden nämlich jede Menge typischer Denkfallen erläutert, in die wir tappen, wenn wir uns ein Bild von der Welt und den Geschehnissen darin machen. Die können sehr banal sein, zum Beispiel:

  • Stereotype. Menschen wirken auf Fotos in Dating Portalen nachweislich attraktiver auf die Betrachter, wenn sie etwas Rotes tragen oder wenigstens einen roten Rand um ihr Bild legen (rot = sexy).
  • Framing. Unsere Meinung zu Dingen hängt davon ab, in welcher Reihenfolge und mit welchen Worten sie uns präsentiert werden (Freiheitskämpfer oder Terrorist? Erderwärmung oder Klimaüberhitzung?).
  • Aufwandsheuristik. Projekte, in die wir viel Zeit investiert haben, beurteilen wir als wertvoller als andere, und zwar unabhängig von ihrem Ergebnis und dessen Wirkung.
  • Verfügbarkeitsheuristik. Je schneller uns Beispiele für ein Ereignis in den Sinn kommen, desto häufiger und plausibler scheint uns das Ereignis zu sein – völlig unabhängig von der tatsächlichen Häufigkeit, in der es eintritt.

Der größte, häufigste und uns leider am wenigsten bewusste Fehler ist der „fundamentale Attributionsfehler“. Damit bezeichnet Nisbett die Tatsache, dass wir bei der Beurteilung eines Menschen innere Faktoren überbewerten und den Einfluss der Situation unterbewerten bzw. überhaupt nicht wahrnehmen.

Nisbett schildert dazu unter anderem den Fall eines Professorenkollegen, der sowohl einen Kurs in Statistik als auch einen in Kommunikation hielt und am Ende des Semesters von den Studenten evaluiert wurde. Die Teilnehmer am Statistikkurs beschrieben den Mann als streng, humorlos und ziemlich kalt. Die Studenten, die im selben Semester den Kommunikationskurs besucht hatten, bewerteten ihn als flexibel, lustig und warmherzig.

Tja, er ist tatsächlich ziemlich fundamental, dieser Attributionsfehler. Oder, wie Nisbett folgert:

„Achten Sie mehr auf den Kontext. (…) Verändere das Umfeld, und du veränderst den Menschen.“ (S. 67)

Teil II Die einstmals trübsinnige Wissenschaft

Dieses Kapitel hat mir als Diplom-Kauffrau besonders gut gefallen, denn hier geht es um ökonomisches Denken und was wir davon lernen können: Kosten-Nutzen-Analysen zum Beispiel. Dazu rät Nisbett:

„Erstellen Sie um jeden Preis eine Kosten-Nutzen-Analyse für die Entscheidungen, die Ihnen wirklich etwas bedeuten. Und dann werfen Sie sie weg.“ (S. 102)

Sie können dann nämlich getrost nach Ihrem Gefühl entscheiden – nach Ihrer Analyse wissen Sie schließlich, was Sie zu verlieren oder gewinnen haben und ob es Ihnen das wert ist.

Daneben geht es um versunkene Kosten (wir neigen leider alle dazu, gutes Geld dem schlechten hinterherzuwerfen), Opportunitätskosten (wer sich für eine Option entscheidet, verzichtet auf den Nutzen einer anderen) und die Verlustaversion. Letztere führt beispielsweise bei der Geldanlage häufig zu teuren Fehlentscheidungen.

Teil III Kodieren, Zählen, Korrelation und Kausalität

Ich fand Statistik an der Uni nicht uninteressant, aber eher schwierig. Das liegt bestimmt auch daran, dass ich in keinem Lehrbuch so anschauliche und superleicht verständliche Statistik-Lektionen gefunden habe, wie Nisbett sie liefert. Allen, die am liebsten schreiend wegrennen würden, wenn nur das Wort „Statistik“ fällt, sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

Denn nur wer ein paar statistische Grundlagen verstanden hat, kann die so gerne zur Belegung jeglicher Thesen zitierten Studien kritisch hinterfragen. Angefangen vom Problem der zu kleinen und verzerrten Stichproben über die Überbewertung von Interviews und die Bedeutung der Standardabweichung bis hin zur Verwechslung von Korrelation und Kausalität. Gerade letztere liegt ja häufig vor, wenn es heißt: „Eine neue Studie belegt, dass …“

Teil IV Experimente

Experimente sind laut Nisbett der Königsweg zur Erkenntnis, weil sie konkretes Verhalten messen statt verbaler (Selbst-)Einschätzungen. Besonders erkenntnisträchtig sind seiner Erfahrung nach so genannte A/B-Tests. Vorausgesetzt natürlich, das Experiment wurde „sauber“ angelegt und die Zuweisung zu den Vergleichsgruppen erfolgte strikt zufällig.

„Wenn man nicht weiß, welche von zwei Interventionen oder Verfahren sich besser eignet, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, vergleicht man die beiden, indem man mit einem Münzwurf entscheidet, auf wen man Intervention A anwendet und auf wen Intervention B. Dann sammelt man Daten, die für die betreffende Frage relevant sind, und analysiert sie, indem man mit Hilfe eines statistischen Tests den Durchschnitt von A mit dem Durchschnitt von B vergleicht.“ (S. 193)

Kritisch ins Gericht geht der Psychologieprofessor dagegen mit den so beliebten multiplen Regressionsanalysen, denen er vor allem das Potenzial zur Irreführung bescheinigt. Schon deswegen, weil es normalerweise gar nicht möglich ist, ALLE kausalen Einflüsse zu erfassen und diese reliabel (zuverlässig) und valide (gültig) zu messen.

Teil V Geradlinig und um die Ecke gedacht

Die beiden Kapitel zur Logik und zum dialektischen Schlussfolgern sind ebenfalls hochinteressant. Zunächst geht es um die Grundlagen des logischen Denkens, die von den griechischen Philosophen er- bzw. gefunden wurden. Dazu gibt es ein paar hübsche Logik-Tests, die mich ganz schön ins Schwitzen gebracht haben. Immerhin habe ich den Trost, dass die meisten Menschen die Plausibilität mit der Gültigkeit eines Arguments verwechseln …

Anschließend gibt es einen Ausflug ins eher ganzheitlich-dialektische Denken des asiatischen Kulturkreises, das tatsächlich anders, aber nicht immer „besser“ ist als das logisch-analytische westliche Denken. Die Überlegungen Nisbetts dazu, wie sich beide Denkweisen ergänzen und jeweils die Schwächen der anderen ausgleichen können, fand ich sehr bereichernd.

Teil VI Weltwissen

Zum Abschluss dieses gelungenen Buches zieht der Professor nochmals genüsslich vom Leder, plädiert für möglichst einfache Lösungen und das Zurechtstutzen überkomplizierter Theorien mit Ockhams Rasiermesser. Vor allem aber wirbt er für einen gesunden Realitätssinn und mokiert sich über die Vertreter der Postmoderne und deren Auffassung, dass es überhaupt keine Fakten gäbe, sondern nur geteilte Interpretationen der Realität. Für den realistisch orientierten und an zahlreichen A/B-Tests gestählten Psychologen gibt es selbstverständlich Fakten, nämlich die, die durch menschliches Verhalten geschaffen werden. Sein Anliegen ist es, unser Verhalten für uns selbst transparenter und zielführender zu machen.

„Die gute Nachricht ist die Kehrseite der schlechten. Schon bevor Sie dieses Buch gelesen haben, wussten Sie, dass Sie fehlbar sind. Nun wissen Sie sehr viel mehr über die Hintergründe und was sie dagegen tun können. Dieses Wissen wird Ihnen helfen, die Welt genauer wahrzunehmen und klüger zu handeln.“ (S. 348 f.)

Das kann ich nach der Lektüre dieser sehr lesenswerten und durchaus unterhaltsamen 356 Seiten nur bestätigen. Danke, Herr Nisbett, für dieses Buch. Falls Sie es nach meiner Rezension zu Einfach Denken! kaufen möchten, können Sie das zum Beispiel hier tun (kein Partnerlink).

Rezension zu Einfach denken! von Richard E. Nisbett

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