Unzufriedene Azubis: Wie steht es um die Berufsausbildung?

Über unzufriedene Azubis war zuletzt einiges zu lesen, nachdem der DGB-Ausbildungsreport 2016 veröffentlicht wurde. Da mein Mann in seinem Einzelhandelsbetrieb selbst ausbildet und unsere älteste Tochter gerade mit einer Ausbildung im Handwerk begonnen hat, habe ich mir dazu einige Gedanken gemacht.

Die Ergebnisse des DGB-Ausbildungsreports sind ohnehin widersprüchlich

71,7 % der befragten Jugendlichen seien mit ihrer Ausbildung zufrieden, heißt es dort. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 29,3 % nicht zufrieden sind oder keine Angaben dazu gemacht haben. Gleichzeitig wird aber berichtet, es hätten über die Hälfte über hohe Belastungen und Stress durch schlechte Ausbildungsbedingungen geklagt. Es wurde zudem moniert, dass einem Drittel der Azubis kein schriftlicher Ausbildungsplan vorliege und sie daher nicht kontrollieren könnten, ob die Ausbildungsziele erreicht würden. Rund 10 % müssten zudem regelmäßig ausbildungsfremde Tätigkeiten ausüben. Der DGB fordert daher eine Reform des Bundesausbildungsgesetzes mit einem Rechtsanspruch auf einen schriftlichen Ausbildungsplan und „eindeutige Vorschriften, um Überstunden zu vermeiden“. Überhaupt müssten die Arbeitgeber sich mehr anstrengen und weg von ihrer „Bestenauslese“.

Brauchen wir einen besonderen Schonraum für die Ausbildung?

Eine duale Berufsausbildung ist aus gutem Grund eine Mischung aus Lernen am Arbeitsplatz und in der Schule. Am Arbeitsplatz gelten aber auch für Azubis die Bedingungen der realen Arbeitswelt. In der haben Ausbilder und Kollegen viel zu tun und Kunden nur begrenzt Geduld. Das kann manchmal stressig werden, bestimmt stressiger als vorher in der Schule. Nun ja: Willkommen im richtigen Leben!

Davon kann man Azubis in den Übungsräumen großer Industrieunternehmen mit hauptberuflichen Ausbildern vielleicht fernhalten, nicht aber in kleineren Unternehmen, in denen die Ausbildung von Chef und Kollegen neben deren eigentlichen Tätigkeit erfolgt.

Wenn in der Bäckerei/Konditorei des Chefs meiner Tochter ein Bäcker plötzlich erkrankt, springt der Chef selbst für ihn ein. Er kann dann meiner Tochter keine Lehrinhalte ihrer Konditorenausbildung zeigen. Wenn eine Verkäuferin unerwartet ausfällt, muss vielleicht auch meine Tochter mal in den Verkaufsraum und dort eine ausbildungsfremde Tätigkeit ausüben. Wenn vor Weihnachten Hochbetrieb ist und alle ranklotzen müssen, wird auch sie Überstunden leisten. Sie wird ihren Chef nicht darauf festnageln können, dass er in der Woche X mit ihr die Inhalte Y durchgehen muss, wenn die Kunden gerade etwas anderes nachfragen oder er einen Engpass in irgendeinem Bereich abfedern muss. Das ist im Kleinbetrieb völlig normal und daran wird auch keine rechtliche Verpflichtung etwas ändern. Man muss schon bequem in der berechenbaren 35-Stunden-Struktur eines Gewerkschaftsbüros arbeiten, um sich darüber aufzuregen.

Unzufriedene Azubis: Mehr Information und Realismus in Sachen Ausbildung täte gut

Das soll nicht heißen, dass es nicht auch Betriebe gäbe, die Azubis ausschließlich als billige Arbeitskräfte missbrauchen und ansonsten ihrer Ausbildungsverpflichtung nicht nachkommen. Es dürfte sich aber um einen wesentlich kleineren Prozentsatz handeln als vom DGB „ermittelt“. Wer tatsächlich ausgebeutet wird, darf und soll sich natürlich wehren, und die betreffenden Betriebe brauchen sich nicht zu wundern, wenn sie erst unzufriedene Azubis haben und dann gar keine mehr finden.

Aber das vermeintliche Ideal einer völlig stressfreie Ausbildung komplett nach Plan und ohne Überstunden sollte den jungen Leuten von keiner Seite vorgegaukelt werden, denn das kann nur zur Enttäuschung führen.

Ich finde es auch skurril, den Betrieben vorzuwerfen, sie würden „Bestenauslese“ betreiben. Natürlich tun sie das, soweit es ihnen möglich ist. Und das ist völlig legitim. Ausbildung bedeutet Mehrarbeit für Kollegen und Chefs und kostet erst einmal Geld. Das investiert man natürlich lieber in einen jungen Menschen, der fähig und tüchtig wirkt, als in einen, bei dem man erst die schulischen und sozialen Defizite aufarbeiten muss, bevor man mit der eigentlichen Ausbildung beginnen kann.

Klang das jetzt zu polemisch?

Die Ausbildungsreife fehlt oft

Ich habe für einen Kunden, der in der Lebensmittelbranche tätig ist, die Ausbilder in allen zehn angebotenen Ausbildungsberufen interviewt. Alle sagten, sie hätten 2016 eine(n) oder mehrere Azubi zusätzlich oder überhaupt eingestellt, wenn sie passende Bewerber gefunden hätten. Auf meine Frage, wie denn die Bewerber sein müssten, um zu „passen“, kam meist die Antwort: Sie sollten eine einigermaßen fehlerfreie und vollständige Bewerbung abliefern. Sie sollten erklären können, warum sie sich für diesen Beruf und dieses Unternehmen entschieden haben. Und sie sollten sich vorab informieren, um was es in ihrem Ausbildungsberuf überhaupt geht. So hätten sich zwei Bewerber um einen Ausbildungsplatz als Mechatroniker nach dem Betriebsrundgang erstaunt erkundigt, wo denn nun die Autos seien. Sie hatten vorab nicht gelesen und auch nach einer Stunde Rundgang durch die Fertigungsbereiche des Lebensmittelunternehmens nicht begriffen, dass es nicht um eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker ging.

Unterricht in Elektrotechnik bei der Berufsausbildung - Gruppe von Auszubildenten und einer Lehrerin // Teaching in Electrical Engineering - group of trainees and a teacher

Das sind aus meiner Sicht keine überhöhten oder unrealistischen Anforderungen, sondern welche, die leicht zu erfüllen sind. Die Informationen dazu gibt es, sie müssen nur abgerufen und genutzt werden. Hier bleibt offensichtlich in den Elternhäusern, Schulen und Ausbildungsberatungen noch einiges zu tun. Unzufriedene Azubis gibt es auch deswegen, weil die jungen Leute vorab gar nicht wissen, wie die Realität in einem Unternehmen aussieht und sich schwer damit tun, sich geistig aus dem Schonraum Schule zu verabschieden. Es ist oft zu hören, die Schule könne nicht der Reparaturbetrieb für alles sein, was in der Gesellschaft schiefläuft. Das stimmt. Aber die Ausbildungsbetriebe, insbesondere die kleineren und mittleren Unternehmen, können das auch nicht. Vielleicht wären hier noch mehr Betriebspraktika und sonstige Kooperationen von Schule und Wirtschaft nützlich.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Barbara,
    …danke für diesen höchst treffenden Text! Ich werde ihn morgen bei der ersten Besprechung vorlesen. Ganz genau so erlebe ich das auch oft mit meinem Lehrlingen und Praktikanten, vor allem von der Seite mancher Lehrer, die genau ein solch Schüler schonendes Verhalten einfordern. Das bringt eben diese subjektive Unzufriedenheit als Folge erst hervor.

    Vielen Dank für Dein Kompliment über meine Kostüme bei Reiseum! Ich freue mich besonders über Lob aus kluger Feder. Danke!

  2. Hallo Barbara,

    ich führe mehrmals jährlich „kooperative Abenteuerspiele im Rahmen von Teambuilding“ mit FSJ, FÖJ und Bufdis durch. Für die sind das Fortbildungen. Was diese Methoden ausmacht, ist, dass Teams gemeinsam zu bestimmten Spielregeln etwas herausfinden müssen. Etwas, dass man erfahren muss, um zu wissen, worum es geht. Sei es Teamgeist oder das man sich aufeinander verlassen kann oder wie man sich verhält, wenn man andere Rollen als sonst ausfüllen soll.
    Bei den jungen Erwachsenen ab 16 – ca. 25 Jahre stelle ich seit einigen Jahren fest, dass sich die meisten einer solchen Gruppe gar nicht auf so etwas einlassen. Ihnen fehlt das Arbeitsblatt und der Weg zum Ziel. Wie bei Rechenaufgaben oder rhetorischen Stilmitteln einer Argumentation. So etwas gibt es dabei nicht und die Youngster dazu zu bringen sich auf etwas erstmal Nebulöses einzulassen, gelingt nicht immer. Kommt auf die Gruppendynamik an und darauf, ob die Wortführer der Gruppe, die sich meist schon kennt, wenn ich ins Spiel komme, reagieren.

    Schonung bringt in manchen Fällen nichts, manchmal hilft nur der Sprung ins kalte Wasser und schwimmen.

    Grüße
    Silke Bicker

    • Hallo Silke, Ihre Erfahrung passt zu meinen Erfahrungen als Lehrbeauftragte für BWL an der Hochschule Kempten. Ich habe nach 17 Jahren den Lehrauftrag auch deswegen aufgegeben, weil ich es in den letzten 4 bis 5 Jahren zunehmend unbefriedigend fand, Studenten zu unterrichten, die einfach nur noch ein Skript auswendig lernen, das Gelernte wiedergeben und dafür eine gute Note haben wollen. Sobald sie das Gelernte selbstständig anwenden und eigene Lösungen finden sollten, haben viele sich verweigert. Sich bei Gruppenarbeiten zurückgelehnt und abgewartet, was ich als „Musterlösung“ präsentieren würde. Das Allerschlimmste war für sie, wenn es keine Musterlösung gab, weil ich einen Praxisfall zur Diskussion gestellt hatte und man verschiedene Strategien wählen konnte, sie aber auch sachlich begründen musste. Da wurden manche richtig aggressiv. Mir scheint, diese Altersgruppe ist sehr schlecht vorbereitet auf ein Leben, das nicht nach Schema F abläuft und keine Musterlösungen bietet …

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