Rezension: Kommunikation als Lebenskunst

Ein lehrreicher und unterhaltsamer Streifzug durch die Kommunikationspsychologie des Friedemann Schulz von Thun.

Das Schöne am Bahnfahren ist für mich, dass ich währenddessen lesen kann (jedenfalls, wenn ich einen Sitzplatz habe und nicht von penetranten Lauttelefonierern abgelenkt werde). So bin ich letzte Woche endlich dazu gekommen, ein Buch zu lesen, das schon seit mehreren Monaten auf meinem „Tisch der ungelesenen Bücher“ lag.

„Kommunikation als Lebenskunst“ ist ein ausführlicher Dialog des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen mit Friedemann Schulz von Thun, dem Großmeister der Kommunikationspsychologie. Tatsächlich handelt es sich um ein rund 200 Seiten umfassendes Interview, in dem die von Thun‘schen Kommunikationsmodelle vorgestellt, diskutiert und beispielhaft angewendet werden.

Dabei geht es aber nicht um eine lehrbuchhafte Vermittlung von Methodenwissen, von „Erfolgsformeln“ der Kommunikation. Sondern Schulz von Thun möchte aufzeigen, warum das „Miteinander reden“ oft misslingt, wie man sich selbst besser verstehen und seine Kommunikation mit anderen und damit letztlich seine Lebensqualität verbessern kann.

Das hat mir an diesem Buch besonders gut gefallen:

Man begegnet „alten Bekannten“ wie dem Kommunikationsquadrat, dem inneren Team und dem Wertequadrat und erfährt dabei ihre Entstehungsgeschichte. Für mich ist es einer der Hauptvorzüge dieses Buches, dass Friedemann Schulz von Thun erzählt, wie diese Modelle entstanden sind, auf welchen Ideen und Vorgängermodellen er aufbaut und welche Erfahrungen ihn dazu bewogen haben, sie zu weiter- oder neu zu entwickeln.

Er zeigt sich dabei nicht als „Professor Alleswisser“, sondern als ebenso nachdenklicher wie bescheidener Gesprächspartner, der von sich selbst beispielsweise sagt, dass seine Modelle vor allem so bildhaft-anschaulich sind, weil er sich schon als Schüler mit dem Aneignen abstrakten Wissens schwergetan hat und die Visualisierung ihm selbst beim Erfassen und Verstehen hilft.

Wie stark diese Visualisierungen wirken, kann man beispielsweise auf seiner Website sehen.

Sehr sympathisch fand ich auch seine Selbsteinschätzung als Führungskräfte-Coach – „nicht als Lösungsexperte, sondern als Experte der Heuristik, des Herausfindens“ (S. 140) – und die realistische Einordnung pädagogischer Fähigkeiten: „Erziehung ist auch Nervensache, und das Nervenkostüm des Erziehers und die konkreten Lebensverhältnisse werden unweigerlich eine größere Rolle spielen als pädagogische Einsichten.“ (S. 162) Als dreifache Mutter kann ich da nur sagen: „Wie wahr!“

Ein bisschen habe ich aber auch zu kritteln:

Der Verdienst von Professor Pörksen liegt zweifellos darin, dass er die Entstehung dieses Buches angeregt und die Aufzeichnungen aus den vielstündigen Gesprächen zu diesem interessanten und gut lesbaren Buch verdichtet hat. Allerdings ist er – anders als sein Gesprächspartner – erkennbar nicht frei von Eitelkeit und neigt dazu, seine Gelehrsamkeit und Belesenheit in Form von Zitaten auszubreiten, die er als „Aufhänger“ für Fragen verwendet.

Zudem hat er die vier Schlüsselmerkmale der Verständlichkeit von Texten (beschrieben auf Seite 38f) offenbar nicht verinnerlicht bzw. hält es nicht durchgehend für nötig, den Lesern, die nicht aus der Wissenschafts-Community stammen (und das dürfte die Mehrheit sein, da es sich ja nicht um ein Lehrbuch oder eine wissenschaftliche Abhandlung handelt) einfache und damit verständliche Kost zu servieren

Was soll ich zum Beispiel von dieser Frage halten, mit der Pörksen dem Kommunikationspsychologen „eine Metapher für die ideale Lehre“ (an der Hochschule) entlocken will:

„Handelt es sich um eine mäeutisch-sokratische Hebammentätigkeit in Form des Dialogs oder aber um die gezielte Irritation und die produktive Verstörung?“

Ich unterrichte seit 17 Jahren an der Hochschule Kempten – wenn auch nur prosaische Betriebswirtschaftslehre –, und die „ideale Lehre“ würde mich auch interessieren. Aber auf diese Frage wüsste ich nur eine Antwort, nämlich ein durchaus verstörtes „hä?“.

Mein Fazit: Insgesamt ist „Kommunikation als Lebenskunst“ ein sehr lesenswertes Buch für alle, die sich beruflich oder aus privatem Interesse mit Kommunikationspsychologie befassen und ein wenig hinter die Kulissen der bekannten Modelle sehen wollen. Hinter dem bekannten Namen Schulz von Thun wird ein sehr sympathischer Mensch sichtbar, von dem man tatsächlich etwas darüber lernen kann, wie man sich selbst und andere besser versteht und dadurch das eigene Leben viel und die Welt ein winziges bisschen besser machen kann.

Bernhard Pörksen, Friedemann Schulz von Thun
Kommunikation als Lebenskunst
Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens
Carl Auer Verlag, 2014

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