Investieren statt sparen: Tipps von Experten, gestern in der bigBOX

Wirtschaft und Börse – was prägt sie sie derzeit und wohin entwickeln sie sich? Um dieses spannende Thema ging es gestern Abend beim Finanzforum der Sparkasse Allgäu in Kempten. Und zwar im großen Stil: Rund 800 Besucher waren in die BigBox gekommen, um einen Vortrag von Dr. Ulrich Kater zum aktuellen Geschehen und ein Interview mit Joachim Llambi samt Tipps für Sparer zu hören.

Ich war vor allem gekommen, um Dr. Ulrich Kater, den Chefvolkswirt der DekaBank einmal live zu erleben. Und ich wurde nicht enttäuscht. Pointiert und präzise griff er die aktuellen Einflüsse auf Wirtschaft und Börse auf.

So sieht es aus in der Wirtschaft und an der Börse

Dr Ulrich Kater

„Dieselgate“ sieht er weniger als Risiko für die deutsche Wirtschaft, denn als „Problem einer großen Firma“ und Ausdruck des starken Wettbewerbs mit dem Erzrivalen Toyota um die Vorherrschaft am Weltmarkt. Katers Analyse: „Die konkurrieren heute nicht mehr um die größten Marktanteile, sondern um die größte Rückrufaktion.“ Das sei aber kein Grund, anzunehmen, dass „die gesamte deutsche Industrie Murks“ sei.

China muss man schon ernster nehmen als früher“, meinte der Experte, schon allein wegen seiner Bedeutung für die Weltwirtschaft. Das Chinas Wachstum zurückgeht, findet er aber „eigentlich völlig normal, denn niemand kann dauerhaft zweistellig wachsen“. Die veröffentlichten Wachstumszahlen sieht er mit gesunder Skepsis: „Viele sagen, die Daten aus China stimmen eh nicht. Wir sagen das auch.“ Die zuletzt behaupteten 6,9 % seien in Wirklichkeit eher 5 %. Aber immerhin reagiere China mit ernsthaftem Bemühen, etwas zu tun, und das auch bei der Datenproblematik.

Die Bedeutung der Börse sei dabei wichtig, aber nicht absolut: „Die Börse ist ein Risikoseismograph für einzelne Volkswirtschaften und die ganze Weltwirtschaft. Das heißt aber nicht, dass alles so kommen muss, wie die Börse es vorgibt.“

„China, Flüchtlinge, Dieselgate – wo ist eigentlich Griechenland geblieben?“ fragte er dann, um die Hoffnungen der Zuhörer gleich wieder zu enttäuschen: „Wenn Sie sich fragen, wann diese Euro-Krise endlich vorbei ist, muss ich sagen: Nie. Der Euro ist nämlich kein Ergebnis, sondern ein Prozess – und der ist nie fertig.“ Auch in den USA sei der Dollar immer noch ein Thema, und das nach 250 Jahren seines Bestehens. Immerhin sei Griechenland dabei, zu verstehen, dass es Bedingungen erfüllen muss, wenn es im Euro bleiben will.

Dr. Kater über die Ursachen und Folgen der Nullzinspolitik

Zweiter Schwerpunkt seines Vortrags waren die aktuelle Nullzinsphase, ihre Ursachen und ihre Wirkungen für die Wirtschaft und die Sparer. Ursache der Finanzkrise 2008 war die überbordende Konsumentenverschuldung. O-Ton Kater: „2007 war der Hochpunkt des amerikanischen Kreditwahns, als selbst der Familienhund noch eine eigene Kreditkarte zugeschickt bekam.“ Auch viele europäische Länder machten mit. Allerdings nicht die Deutschen: „Die Deutschen hatten schon immer ein gestörtes Verhältnis zu Krediten, die kriegen einfach keine ordentliche Kreditblase hin.“ Zum Glück.

Die EZB hat eingegriffen, um ein Chaos wie bei dramatischen Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts zu verhindern. Das Finanzsystem sollte über den Zins stabilisiert werden, so lange, bis es sich regeneriert. Das hat im Prinzip bisher ganz gut funktioniert. Und es wird noch ziemlich lange dauern. Sparer brauchen also nicht darauf zu warten, dass die Zinsen demnächst wieder steigen.

Was heißt das für die Geldanlage?

Dr. Kater rät (nicht nur) den Sparkassenkunden daher klar: „Investieren statt sparen! Es gibt noch Inseln im Finanzmeer, wo es Zinsen gibt, aber die findet man nicht mehr bei den Banken. Zinsen werden in den Unternehmen erwirtschaftet.“ Die Sparer sollten sich deswegen umorientieren und statt Sparbuch und Festgeld auf Aktien, Anleihen und andere Formen der Beteiligung am Kapitalstock der Wirtschaft setzen.

Praktische Anlagetipps von Joachim Llambi

Joachim Llambi

Ähnlich sieht der gelernte Sparkassenkaufmann, ehemalige Profitänzer, Börsenhändler und heutige Fernsehpromi Joachim Llambi die Lage. Nach einem launigen Geplänkel mit dem Moderator Andreas Franik über seine Entwicklung zum Tanzshow-Juror und Publikumsliebling (auch die Damen, die in meiner Nähe saßen, waren, anders als ich, von Llambi deutlich entzückter als von Kater), ging es ebenfalls ums Geld.

Ratschlag Llambi: „Auf dem Sparbuch lege ich mein Geld hin und bekomme nichts dafür. Sinn einer Altersvorsorge ist doch, dass ich das Geld wenigstens ein bisschen vermehrt.“ Er riet ebenfalls zu Investitionen in Sachwerte und empfahl, wegen der Risikostreuung am besten mehrere Investmentfonds monatlich zu besparen. So legt er übrigens das Kindergeld für seine beiden Töchter an. Man solle keine Angst vor den Ausschlägen an der Börse haben, sondern langfristig denken und handeln. „Im Durchschnitt von zwölf Jahren gab es dort noch nie einen Verlust.“

Auch Llambi rechnet mit weiterhin sehr niedrigen Zinsen, und das bis mindestens 2020. Er wagte immerhin die Prognose, dass die Börse sich erholen und der DAX im Laufe des Jahres 2016 bei 11.500 bis 12.000 Punkten liegen werde. Fazit des Tanz-DAX-Experten: „Die Situation an der Börse ist derzeit ein eleganter Slowfox, der sich vielleicht demnächst zu einem Foxtrott steigern wird.“

Ein Investment in eine Immobilie findet er übrigens gut, wenn die Lage stimmt. Gold wollte er als Anlage nicht empfehlen. Vielleicht einen kleinen Teil als Krisenreserve: „Wenn das jemand mag, naja, warum nicht.“

Der Zins der Zukunft heißt Dividende

Manfred Kreisle

Manfred Kreisle, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Allgäu, stimmt den beiden Experten zu: „Ich glaube, der Zins der Zukunft heißt Dividende“ und empfahl gleich noch ein aktuelles Kombiprodukt aus seinem Haus. Man sehe bei der Sparkasse, dass viele Kunden viel Geld auf dem Geldmarktkonto parken und darauf warten, dass die Zinsen wieder steigen. Damit aber sei nicht zu rechnen und das bedeute einen Wertverlust.

Insgesamt ist den roten Bankern aber nicht bange. Der Vorstandsvorsitzende Manfred Hegedüs sah sein Haus „leicht bullish“ aufgestellt und lobte die Stärke und Diversifizierung des Allgäuer Mittelstands. Die sei viel besser als in Berlin-Brandenburg und die Luft bei uns im Allgäu sei auch gesünder. Da hat er recht.

Mein Fazit

Insgesamt habe ich gestern Abend zwar nichts gehört, das ich als regelmäßige Leserin der Wirtschaftswoche nicht gewusst habe. Aber kurzweilig war es doch. Das warme Büfett im Anschluss an die Vorträge war lecker. Und die Sache mit dem Geldmarktkonto muss ich jetzt wirklich angehen.

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